Abends am Fenster
- 12. Mai 2021
- 2 Min. Lesezeit

Ich liebe diese Abende am Fenster, wenn ich von dem Schlafengehen nochmal kurz mein Zimmer durchlüfte. Eigentlich will ich nur ein bisschen frische Luft hereinlassen, damit ich besser schlafen kann und es angenehm kühl ist. Aber irgendwie wird daraus doch immer wieder mehr und schneller als ich gucken kann, setze ich mich auf den Sessel, der direkt am Fenster steht. Ich schaue hinaus und tauche ein in die Dunkelheit.
Diese Minuten haben so eine unglaubliche Geborgenheit und Friedlichkeit an sich, die mich fast magisch anziehen. Die Welt kommt nach einem langen Tag endlich zur Ruhe und ich gleich mit ihr mit. Ich muss nichts mehr tun oder erledigen, sondern lausche einfach nur den Geräuschen der Nacht. Dem Rauschen der letzten Autos in der Ferne und dem leisen Rascheln in den Büschen nebenan. Vielleicht war das ein Igel, oder doch eine Katze? Vereinzelt höre ich ein paar Hunde bellen, die gerade mit ihren Besitzern und Besitzerinnen die letzte Runde des Tages drehen. Die Straßenlaternen leuchten warm und auch in den Fenstern der Häuser gegenüber brennt vereinzelt noch Licht. Aus der Entfernung kann ich die Silhouetten der Menschen erkennen und überlege mir, was sie wohl gerade machen. Wie verbringen sie den Abend? Gehen sie auch schon ins Bett, oder gehören sie eher zu den Nachteulen, die jetzt erst so richtig aktiv werden?
Während ich in meinen Gedanken versunken bin, merke ich auf einmal, dass es inzwischen deutlich abgekühlt ist und mir ein leichter Wind um die Nase weht. Eigentlich ist es schon fast zu frisch, um noch länger hier sitzen zu bleiben. Es ist zwar nicht mehr so eisig, wie im Winter, aber auch lange nicht so warm, wie in den Sommernächten, in denen sich das Lüften gar nicht wirklich lohnt. Typisch Frühling eben. Ich friere ein bisschen und vielleicht sollte ich mir stattdessen lieber schon mal die Zähne putzen. Aber die Zeit hier tut einfach zu gut, um mich jetzt schon losreißen zu können. Und deshalb wandert mein Blick erst einmal nach oben in den Himmel. Zwischen den Wolken kann ich den kleinen Wagen erkennen - ihn suche ich immer zuerst. Das mache ich schon so, seit ich klein bin. Ich beobachte die Sterne und hoffe dabei heimlich, dass ich vielleicht sogar eine Sternschnuppe sehe. Das ist mir bisher zwar noch nie passiert, aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. Deshalb denke ich jedes Mal aufs Neue: Bestimmt ist es heute so weit. Und alleine die Vorfreude darauf macht mich schon ganz glücklich. Egal ob ich sie dann auch wirklich sehe, oder nicht.
Mein Zimmer ist inzwischen längst gut durchgelüftet. Gleich wird es wirklich Zeit wieder “reinzugehen”. Aber einen letzten, kurzen Moment muss ich noch bleiben. Er ist wie eine kleine Verabschiedung vom Tag, bei der ich alles von mir abfallen lassen kann, was ich tagsüber erlebt habe. All das kann jetzt ruhen und als Erinnerung in mir gespeichert werden. Ich mache mich bereit für ein neues Kapitel. Und wenn ich damit mein Fenster wieder schließe, schließe ich den Tag mit ihm.



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