Die Bestimmerin
- akhaag
- 14. Apr. 2024
- 2 Min. Lesezeit

„Da passt aber jemand wirklich gut auf Sie auf“, hat meine Therapeutin im letzten Jahr zu mir gesagt. Ich wusste sofort, dass sie recht hat, denn ich hatte wirklich das Gefühl, vom Leben beschützt zu werden. Vor falschen Entscheidungen und Weggabelungen - vor allem aber vor mir selbst.
Ich habe mich in den letzten Jahren in vielen Momenten im Stich gelassen. Habe mich klein gemacht und die Zähne zusammengebissen, anstatt mich aus Situationen und Beziehungen rauszuholen, die mir nicht gut getan haben. Fast so, als müsste ich mir beweisen, wie gut ich im Aushalten bin. Ich stand da wie ein Reh im Scheinwerferlicht: starr und unfähig etwas zu tun. Weil ich mich verantwortlich gefühlt habe, aber auch, weil ich einfach nicht wusste, wie ich da rauskomme.
Stattdessen habe ich anderen so viel Zugang zu mir gegeben, dass sie sich mit einer Selbstverständlichkeit alles von mir genommen haben, bis fast nichts mehr von mir übrig war. Habe mir mein Bauchgefühl ausreden lassen, obwohl es mir sehr klar gesagt hat, dass all das absolut nichts mit Liebe und Fürsorge zu tun hat. Egal wie gut es mir unter diesem Deckmantel auch verkauft wurde. Doch anstatt auf dieses Gefühl zu hören, habe ich mir ein schlechtes Gewissen einreden und mich attackieren lassen, wenn ich es dann doch mal gewagt habe, für mich einzustehen und Grenzen zu setzen.
Zu erkennen, dass ich all das zugelassen habe, hat mich unheimlich traurig gemacht und war mit viel Scham verbunden. Ich hätte ehrlich gesagt nicht gedacht, dass mir all das passieren könnte. Schließlich beschäftige ich mich seit Jahren intensiv mit mir selbst und habe sogar eine Ausbildung im Bereich der Psychotherapie gemacht. Und trotzdem war da dieser riesige blinde Fleck, den ich lange Zeit einfach nicht sehen konnte und wollte. Vielleicht weil ich dachte, mir dürfe das nicht passieren, wenn ich selbst in diesem Bereich arbeite?
Dort hinzuschauen war deshalb schmerzhaft. Es war aber auch der erste Schritt, mir selbst wieder näher zu kommen. Nur so habe ich gelernt, wirklich Respekt vor mir zu haben und für mich da zu sein. Ich habe mir bewiesen, dass ich nirgendwo gefangen bin und immer die Wahl habe. Ich habe mir bewiesen, dass ich mich aus jeder Situation rausholen kann, egal wie unbequem sie auch ist. Denn ich bin nicht länger das Reh im Scheinwerferlicht, ich bin die Bestimmerin in meinem Leben. Und wenn ich auf mein Bauchgefühl höre, zeigt es mir zuverlässig den Weg.
„Da passt aber jemand wirklich gut auf Sie auf“, hat meine Therapeutin im letzten Jahr zu mir gesagt. Sie hat damit das Leben gemeint, doch inzwischen bin ich selbst zu diesem Jemand geworden, ohne dass ich es habe kommen sehen. Ja, ich passe mittlerweile wirklich gut auf mich selbst auf. Und das sagen zu können macht mich ziemlich stolz.



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